
- 7 Minuten Lesezeit
Vertrauen wird oft als spirituelle Gewissheit romantisiert, dass „alles gut wird“. Das ist allerdings nicht das, was echtes Vertrauen ist. Und wir alle wissen und haben schon erlebt, dass nicht immer alles im Leben gut ist. Wie sollen wir dann also vertrauen, dass es so wäre?
Tatsächlich ist das auch gar nicht gemeint mit Vertrauen. Denn echtes Vertrauen bedeutet, auch dann ja zum Leben zu sagen, wenn es gerade nicht gut läuft und wenn nichts Sinn ergibt.
Kultur der Kontrolle

Wir leben in einer Kultur, die Kontrolle vergöttert. Wenn wir den Grund kennen, warum etwas passiert, fühlen wir uns sicher. Wenn wir den Sinn verstehen, glauben wir, die Situation im Griff zu haben. Aber das ist eine Illusion.
Viele dieser Erklärungen sind eher Beruhigungsgeschichten als Wahrheiten. Sie helfen uns vielleicht kurzfristig, uns nicht so ausgeliefert zu fühlen, aber langfristig lähmen sie uns eher. Denn wenn wir glauben, alles verstehen und erklären zu müssen, blockieren wir genau das, was Entwicklung eigentlich braucht:
Offenheit und Aufgeschlossenheit.
Anstatt uns darin zu verlieren, den Sinn in etwas zu finden, kann es sehr wertvoll sein, einfach zu sagen „Ich weiß es nicht“ und der Situation ganz offen zu begegnen. Und ja, das fühlt sich oft erst einmal wackelig an. Aber genau dort fängt oft das Wunder der Veränderung an.
Die Macht der inneren Haltung

Was ein Ereignis mit uns macht, hängt in Wahrheit viel weniger vom Ereignis selbst ab als von der inneren Haltung, mit der wir ihm begegnen.
Wenn wir etwas innerlich sofort als „falsch“, „gegen mich“ oder „schlecht“ abstempeln, schränken wir unsere Möglichkeiten enorm ein. Denn dann schaltet unser Nervensystem in den Alarmmodus, unser Denken wird starrer, unsere Energie sackt ab. Oft ist das Ergebnis ein Gefühl, blockiert zu sein oder Selbstsabotage.
Und in Wahrheit war gar nicht das Ereignis selbst zerstörerisch, sondern die Tatsache, dass wir es innerlich dazu erklärt haben.
Stellen wir uns beispielsweise vor, die Waschmaschine geht kaputt. Genau dann, wenn sie gebraucht wird, vielleicht morgens vor der Arbeit oder kurz vor dem Wochenende. Der erste Impuls ist meistens innerer Widerstand: „Das darf jetzt nicht sein.“ „Das bringt alles durcheinander.“ „Das kostet bestimmt wieder viel Geld“.
Sofort steigen Stress und Ärger auf, vielleicht auch Hilflosigkeit. Das Nervensystem reagiert, später bekommen wir Kopfschmerzen oder es wird uns übel. Der Tag fühlt sich ruiniert an, uns geht es nicht gut.

Objektiv betrachtet ist erst einmal nur die Waschmaschine defekt und unser Wohlbefinden hat damit eigentlich gar nichts zu tun. Doch durch unsere innere Bewertung geben wir dem Problem die Macht über unsere Stimmung und Befindlichkeit. Wir fühlen uns vom Leben sabotiert und verlieren Energie.
Nicht die kaputte Waschmaschine an sich bringt uns aus der Balance, sondern die Geschichte, die wir uns darüber erzählen – dass es gegen uns ist und dass wir die Situation nicht handhaben können.
Vertrauen bedeutet also, anzuerkennen, dass wir nicht immer den größeren Zusammenhang verstehen, aber dass wir trotzdem glauben, dass das Leben für uns arbeitet und dass das, was gerade passiert, einen Sinn für uns hat.
Wenn wir darauf warten, erst alles zu verstehen und dann zu vertrauen, können wir lange warten und werden unterwegs vielleicht verzweifelt oder bitter.
Der entscheidende Schritt ist: Wir entscheiden uns, trotz fehlender Übersicht, nicht die Haltung des Opfers anzunehmen.
- „Warum passiert mir das immer?“
- „Das hätte nicht passieren dürfen.“
- „Ich habe doch alles richtig gemacht.“
Das sind Sätze, die uns in die Opferhaltung bringen. In dem Moment, in dem wir innerlich festlegen, dass ein Ereignis gegen uns gerichtet ist, geben wir unsere Gestaltungsmacht ab. Wir erklären uns selbst zum Spielball der Umstände.
Es fühlt sich kurzfristig vielleicht entlastend an, denn dann sind wir „unschuldig“ an dem, was uns da passiert, aber langfristig kostet es uns unsere Eigenermächtigung und Tatkraft.
Jede Erfahrung trägt Potenzial

Wir können dem Leben mit Misstrauen begegnen und überall Beweise finden, dass es gegen uns arbeitet.
Oder wir können davon ausgehen, dass jede Erfahrung das Potenzial hat, uns zu formen, zu klären oder zu stärken und damit gut für uns ist, selbst wenn wir es gerade nicht verstehen. Das ist eine aktive Entscheidung, die wir bewusst treffen können.
Alles, was uns passiert, auch wenn es sehr schmerzhaft, ungerecht oder scheinbar sinnlos ist, kann uns positiv formen und stärken.
Das macht vielleicht nicht das Ereignis besser, aber wir behalten dabei die Macht, wie es uns beeinflusst. Wir entscheiden, wie wir darauf antworten und unsere Antwort entscheidet, ob das Ereignis uns negativ oder positiv formt.
Wir können uns verschließen oder öffnen. Verbittern oder differenzieren. Uns verlieren oder uns neu ausrichten. Und daran liegt es, ob die Erfahrung uns stärker macht oder eher kleiner, härter oder zynischer.
Das Leben liefert das Rohmaterial. Was wir daraus machen, liegt bei uns. Der Unterschied liegt weniger im Ereignis, als mehr in unserer inneren Arbeit.
Ein häufiger innerer Reflex lautet: „Das hätte nicht passieren dürfen.“ Aber wer entscheidet das eigentlich, was passieren darf oder nicht?

Unsere Erwartungen, unsere Vorstellungen davon, wie unser Weg auszusehen hat, schränken uns ein, wenn wir alles, was davon abweicht, als Fehler markieren. Entwicklung passiert selten innerhalb unserer Komfortzone. Seien wir ehrlich: Wenn alles super ist, verändern wir uns kaum. Veränderung und Wachstum entstehen da, wo etwas reibt, irritiert, schmerzt, infrage stellt und scheinbar sinnlos wird.
Das sind die Momente, die wir am liebsten loswerden wollen, aber oft sind es genau diese Erfahrungen, die im Rückblick zu Wachstum und innerer Stärke geführt haben. Und wenn wir in diesem Bewusstsein leben, kommen wir dem Vertrauen schon viel näher.
Vertrauen heißt nicht, etwas gutzuheißen. Es heißt auch nicht, Schmerz wegzudrücken oder unangenehme Erfahrungen schönzureden.
Vertrauen heißt: Wir glauben daran, dass das, was passiert, nicht umsonst ist.
Vertrauen heißt: Wir glauben daran, dass diese Erfahrung uns langfristig ehrlicher, klarer oder reifer macht, auch wenn sie vielleicht erst mal sehr unangenehm ist.
Vertrauen heißt: Wir glauben, dass es gut für uns ist, auch wenn sich die Dinge nicht so entwickeln, wie wir es uns wünschen.
Fühlen statt Analysieren

Mit diesem Glauben entscheiden wir uns, dem Ereignis nicht die Macht zu geben, uns zu brechen.
Das ist nicht der naive Optimismus von „alles wird gut“. Das ist innere Souveränität, die weiß, dass jedes Ereignis das Potential liefert, zu wachsen, zu reifen und eine stärkere Version von sich selbst zu werden.
Und diese Reife und Stärke entsteht, wenn wir unseren Gefühlen nicht mehr ausweichen oder sie unterdrücken, sondern wenn wir das tun, wozu Gefühle da sind: Wir fühlen sie!
Wir müssen nichts mit den Gefühlen tun, außer sie zu fühlen. Nicht erklären, nicht analysieren, einfach fühlen. Und durchatmen. Und dann passiert das Wunder. Wir erleben, dass es uns nicht umbringt, die Gefühle zu fühlen und dass wir sie nicht mehr vermeiden müssen.

Und in diesem Moment haben wir bereits Stärke und Raum gewonnen. Weniger Vermeidung, mehr Zulassen. Weniger Angst, mehr Selbstvertrauen.
Zwei Menschen können dasselbe erleben und völlig unterschiedliche innere Konsequenzen daraus ziehen. Der eine wird enger, misstrauischer und zunehmend verbittert. Der andere wird klarer, ruhiger und bewusster.
Der Unterschied liegt einfach darin, dass der eine bereit war, hinzuschauen und zu fühlen, statt zu vermeiden und die Verantwortung abzulehnen. Während der eine fragt: „Warum ist das passiert?“, fragt der andere: „Was kann ich jetzt damit anfangen?“
Vertrauen ist nichts, was wir einmal finden und dann für immer besitzen. Es ist eine Haltung, für die wir uns immer wieder neu entscheiden dürfen.
Gerade dann, wenn Zweifel, Angst oder Widerstand laut werden, haben wir die Entscheidung, gegen die Situation und diese Gefühle zu kämpfen, sie abzulehnen und uns als Opfer zu fühlen oder uns für das Vertrauen ins Leben zu entscheiden. Hier beginnt echte innere Stärke: Im bewussten Umgang mit dem, was ist.
Wir müssen nicht immer verstehen, warum etwas geschehen ist. Aber wir können uns immer entscheiden, uns nicht als Opfer unserer Geschichte zu definieren – sondern als bewusst Handelnde, die Einfluss darauf haben, wie ihr Leben sie formt.

Entdecke mehr von Garten der Seele
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.