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Mit chronischen Schmerzen oder einer langwierigen Krankheit zu leben, ist eine der einsamsten und erschöpfendsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Es ist ein Zustand, der das ganze Leben beeinträchtigt. Der Wunsch nach Ruhe, nach einem Ende des Leids und nach dem früheren, unbeschwerten Leben ist übermächtig und nur allzu verständlich.
Dabei spielt es keine Rolle, ob der Schmerz körperlich ist oder auf der Seele liegt. Das Gefühl ist dasselbe: Ein ständiger Ausnahmezustand, der Kraft kostet, die man eigentlich gar nicht mehr hat.
Warten auf den Tag X

Gerade bei psychischen Belastungen – wie Ängsten, Depression oder innerer Unruhe – kommt oft noch ein Gefühl der Scham hinzu. Man fühlt sich „nicht richtig“, funktioniert nicht so, wie die Welt es scheinbar erwartet, und zieht sich immer weiter zurück.
Der Sturm, der im Inneren tobt, bleibt für die Außenwelt oft unsichtbar. Der Wunsch nach Ruhe, nach einem Ende des Leids und nach dem früheren, unbeschwerten Leben ist übermächtig und nur allzu verständlich. Doch oft führt er in eine mentale Sackgasse. Der natürliche Instinkt sagt: „Ich muss mich zurückziehen. Ich muss diesen Schmerz loswerden. Erst wenn ich wieder gesund bin, kann ich mein Leben wirklich leben oder für andere da sein.“
Viele Betroffene kennen das Gefühl, dass das eigene Leben auf der „Pausentaste“ steht. Man glaubt, dass man erst wieder „ganz“ oder wertvoll sein kann, wenn die Krankheit, die Symptome, das Leid verschwunden sind.
Das ist eine zutiefst menschliche Reaktion. Man möchte dem Schmerz keinen Raum geben, man möchte ihn loswerden. Doch igenau darin liegt oft eine große Schwere. Das Warten auf den Tag X, an dem alles wieder gut ist, kann dazu führen, dass man sich im Hier und Jetzt isoliert und machtlos fühlt. Der Schmerz bekommt so die Hauptrolle auf der Bühne des Lebens.
Das Warten erzeugt oft einen enormen Druck, denn Widerstand gegen den Ist-Zustand erzeugt Stress. Und Stress verstärkt in einem Teufelskreis oft genau jene Symptome, die man loswerden möchte. Man kämpft gegen die eigene Innenwelt an, bewertet die dunklen Tage als verlorene Zeit und fühlt sich zunehmend getrennt von der Welt. Die Angst vor dem Schmerz – ob seelisch oder körperlich – wird manchmal größer als der Schmerz selbst.
Ein behutsamer Blick in die Tiefe

Es kann sehr hilfreich sein, vorsichtig zu fragen: Hat diese schwere Zeit, so schmerzhaft sie auch ist, vielleicht etwas in mir zum Vorschein gebracht, das es vorher nicht gab oder das vorher verborgen war?
Schmerz macht Menschen oft weicher und durchlässiger. Es entsteht eine Tiefe des Fühlens, die andere nicht erreichen. Wer die Tiefe der Dunkelheit kennt, entwickelt oft ein feineres Gespür für die Nöte anderer, eine größere Empathie und ein Verständnis für die Zerbrechlichkeit des Lebens.
Das mag jemandem, der betroffen ist, zunächst wie ein Trostpreis für das Leid aussehen, aber tatsächlich ist es eine Realität, die wir wertschätzen können. Es ist ein Teil des Menschen, der man heute ist – und dieser Teil ist sehr wertvoll, auch wenn – oder gerade weil – er aus Schmerz entstanden ist.

Der Glaube, man müsse vor Kraft strotzen und emotional stabil sein, um für andere da zu sein, hält sich hartnäckig. Doch oft ist genau das Gegenteil der Fall. Menschen, die selbst mit inneren Dämonen oder körperlichen Grenzen ringen, besitzen eine Glaubwürdigkeit, Authentizität und menschliche Qualität, die ein anderer oft gar nicht vermitteln kann.
Wer weiß, wie sich eine Panikattacke anfühlt, was es heißt, wenn körperliche Grenzen und Schmerz unser Leben bestimmen oder wie schwer es ist, mit Depression morgens aufzustehen, urteilt nicht, sondern versteht.
Die eigene Wunde wird zu einer Brücke zu anderen Menschen. Man muss nicht „fertig“ oder „geheilt“ sein, um jemandem zuzuhören oder Hoffnung zu geben. Stattdessen bringen wir ein Verständnis mit, das oft viel hilfreicher ist, als die besten Tipps.
Wenn man beginnt, trotz der eigenen Last – oder gerade mit ihr – wieder in Kontakt mit anderen zu treten, geschieht oft etwas Wichtiges: Die Einsamkeit wird durchbrochen. Gerade bei psychischem Leid ist das Gefühl des Getrenntseins („Keiner versteht mich“, „Ich bin anders“) ein großer Teil des Schmerzes. Wenn man den Fokus sanft von der eigenen Innenwelt darauf lenkt, für jemand anderen da zu sein, entsteht Verbindung. Man erlebt sich wieder als wirksam, als jemanden, der etwas zu geben hat.
Vom „Reparaturfall“ zum Wegbegleiter

Dies ist vielleicht der schwierigste Schritt, aber auch der befreiendste: Es ist eine Einladung, den Blick auf sich selbst zu verändern. Wer lange leidet, beginnt oft, sich selbst wie etwas Defektes zu betrachten. Man empfindet sich als ewige Baustelle oder wie ein „Mängelexemplar“ in einer Welt, die nur glänzende Funktionstüchtigkeit feiert.
Doch diese Sichtweise ist ein Trugschluss, der unnötiges Leid erzeugt.
Unser Wert als Mensch ist nicht an unsere Gesundheit, unsere Leistungsfähigkeit oder unsere Stimmung gekoppelt.
Wir sind kein Projekt, das erst fertiggestellt werden muss, um liebenswert zu sein. Wir sind bereits jetzt vollständig – mit allen Rissen, mit allen Narben und mit aller Schwere, die wir tragen.
Es geht hierbei keinesfalls darum, sich aufzuopfern oder die eigenen Grenzen zu missachten. Es geht vielmehr um eine sanfte Umdeutung unserer eigenen Geschichte. Die Kapitel unseres Lebens, die wir am liebsten herausreißen würden – die Nächte der Panik, die Tage der totalen Erschöpfung, die Momente der Verzweiflung –, sind nicht umsonst. Sie sind sehr wertvoll.
Diese Erfahrungen haben uns ein Wissen geschenkt, das man an keiner Universität lernen kann. Wir kennen die Farbe der Dunkelheit. Wir haben erfahren, wie viel Kraft es kostet, einfach nur weiterzumachen. Und genau das macht unsere Geschichte zu einer Landkarte für andere, die sich gerade erst in diesem dunklen Wald verirrt haben.
Unsere Risse sind die Öffnungen für das Licht

Wenn wir uns öffnen – nicht als perfekter Ratgeber oder Guru, der alles gelöst hat, sondern als ehrlicher Mensch, der den Kampf kennt –, geschieht etwas Magisches. Für jemanden, der sich gerade mutterseelenallein in seinem Leid fühlt, ist unsere Anwesenheit und unser Verständnis wie ein Leuchtturm.
Unser Leid, unsere „Risse“ sind keine Fehler. Sie sind genau die Stellen, durch die das Licht hindurchscheinen kann, um einen anderen zu erreichen. Wir signalisieren einem anderen Menschen: „Ich sehe dich. Ich kenne diesen Schmerz. Es ist nichts falsch mit dir, weil du ihn fühlst.“
In diesem Moment verwandelt sich das Gefühl, „defekt“ zu sein, in die Fähigkeit, tief zu berühren.
Wir geben dem scheinbar sinnlosen Leid einen Sinn, indem wir es nutzen, um Verbindung zu schaffen.
Und oft ist es genau diese Erfahrung – gebraucht zu werden, verstanden zu werden und verstehen zu können –, die den eigenen Weg wieder etwas heller macht.
Dabei offenbart sich eine heilsame Wahrheit: Wir sind nicht trotz unserer Wunden wertvoll – sondern genau sie werden zur Quelle einer authentischen Kraft. Sie ermöglichen es, eine Resonanz zu erzeugen, die die Mauer der Einsamkeit durchbricht und dort Hoffnung verankert, wo vorher nur Leere war.

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