Gefühle: Vom Störfaktor zum inneren Kompass

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In unserem sehr leistungsorientierten Alltag haben Gefühle oft einen schweren Stand. Für die meisten Menschen gelten sie als irrationale Störfaktoren, die den reibungslosen Ablauf unseres Lebens behindern. Traurigkeit, Wut oder Angst werden oft als Schwäche empfunden, die es schnellstmöglich zu beseitigen oder zumindest zu kontrollieren gilt, um wieder „funktionieren“ zu können.

Und wenn wir uns dann entscheiden, diesen Mechanismus zu durchbrechen und uns dem eigenen Innenleben zuzuwenden, stehen wir oft vor einer anderen Frage: Muss denn jedes unangenehme Gefühl „geheilt“ oder „transformiert“ werden?

Der feine Unterschied zwischen Trigger und Instinkt

Nicht jeder Schmerz, den wir fühlen, ist ein Symptom einer alten Wunde, und ebenso wenig ist jedes Gefühl eine objektive Wahrheit des gegenwärtigen Moments.

Es ist wichtig, zu unterscheiden, ob der Auslöser im Hier und Jetzt liegt oder ob eine alte Erfahrung reaktiviert wurde. Wenn wir jedes Unwohlsein nur als Projektion der Vergangenheit sehen, übergehen wir den eigenen, gesunden Instinkt. Übersehen wir jedoch den Trigger, halten wir alte Ängste fälschlicherweise für aktuelle Realität.

Der wesentliche Unterschied zeigt sich meistens darin, wie wir es körperlich erleben. Ein Trigger fühlt sich oft eng, drängend und überwältigend an. Er zieht uns oft förmlich aus dem Körper und der Gegenwart. Man spürt vielleicht einen Tunnelblick, eine Taubheit oder das Gefühl, wie durch Watte oder eine Glasscheibe auf die Welt zu blicken.

Das sind Zeichen von Dissoziation, bei denen wir den Kontakt zum Hier und Jetzt und unsere Erdung verlieren. Das Gefühl ist dabei meistens laut, hysterisch und suggeriert eine lebensbedrohliche Dringlichkeit („Ich muss sofort etwas tun! “), die oft nicht zur realen Situation passt.

Instinkt hingegen fühlt sich völlig anders an. Das ist ein tiefes inneres Wissen, das aus der Verbindung mit uns selbst entsteht. Es geschieht hellwach in der Präsenz, im Hier und Jetzt.

Instinkt ist leiser, aber dafür unerschütterlich fest.

Er fühlt sich nicht wie Panik an, sondern ist eine nüchterne Klarheit, die uns eher tiefer in unseren Körper bringt, statt uns herauszuwerfen. Er schärft die Sinne für den gegenwärtigen Moment und meldet sich oft als klares Bauchgefühl oder plötzliche Wachheit; eine innere Stimme, die ruhig feststellt: „Hier stimmt etwas nicht.“ oder „Ich muss hier raus.

In der Realität treten diese beiden Ebenen jedoch häufig zusammen auf. Oft meldet sich der Instinkt, weil eine Situation objektiv ungut ist und berührt dabei unweigerlich eine alte Wunde. Das kann eine alte Verlassenheitsangst sein, das Gefühl, nicht gut genug oder einfach nicht richtig zu sein, es können alte Ohnmachtsgefühle berührt werden oder ein innerer Schutzmechanismus, dass sichtbar zu werden, gefährlich ist.

Als Folge dieser inneren Aktivierung zeigen sich dann die Symptome des Triggers: Man erstarrt plötzlich, ist wie gelähmt, reagiert mit unverhältnismäßiger Wut, um die gefühlte Ohnmacht zu kompensieren, oder rutscht in ein unterwürfiges Beschwichtigen aufgrund von Ängsten.

Das ist der Moment, in dem wir uns oft selbst im Weg stehen: Der Instinkt hat uns zwar völlig richtig vor einer unguten Situation gewarnt, aber gleichzeitig übernimmt ein altes Schutzmuster die Regie, weil ein Trigger aktiviert wurde. Wir reagieren nicht mehr souverän, sondern fallen in alte automatische blockierende Gewohnheiten zurück.

Wenn wir hier handlungsfähig bleiben wollen, dürfen wir diesem reflexartigen Sturm nicht die Entscheidung über unsere Handlung überlassen.

Klarheit im Außen, Mitgefühl im Innen

Die Lösung liegt darin, das Handeln vom reinen Fühlen zu entkoppeln. Wir entscheiden uns, nicht AUF das Gefühl zu reagieren, sondern MIT dem Gefühl im Gepäck zu handeln.

Der erwachsene, klare Teil in uns übernimmt dabei die Führung über unsere Entscheidung und unser Handeln. Er vertraut dem Instinkt und zieht die nötige Konsequenz – sei es, eine Grenze zu setzen, einen Standpunkt zu benennen oder aus der Situation zu gehen. Gleichzeitig lassen wir die innere Aufruhr in uns zu und bekämpfen sie nicht. Wir akzeptieren, dass diese Gefühle da sind und sind uns dabei bewusst, dass es Gefühle aus der Vergangenheit sind, die mit der Situation im Jetzt nichts zu tun haben.

Wenn wir uns der alten Angst oder Unsicherheit zuwenden, wie man sich einem schutzbedürftigen Wesen zuwenden würde, erlauben wir, dass sie sich lösen kann, ohne ihr die Entscheidungsgewalt über unser Leben zu überlassen.

Wir trösten das Gefühl innerlich, während wir äußerlich klar bleiben.
So entsteht ein neuer Umgang mit uns selbst: Wir ehren den Schmerz als unsere Geschichte, aber wir lassen unser Leben von unserer wachen Klarheit bestimmen.

Das ist wahre innere Souveränität. Wir kämpfen nicht gegen die alte Wunde und wir versuchen auch nicht, sie verzweifelt „wegheilen“ zu wollen, nur um endlich handlungsfähig zu sein. Stattdessen erlauben wir eine kraftvolle Co-Existenz: Der Schmerz darf da sein und er wird beachtet. Aber er verliert seinen Platz am Steuer. Er darf mitfahren, aber er trifft keine Entscheidungen mehr. Die Entscheidungen – wohin wir gehen, was wir dulden und was nicht und wie wir leben werden von der wachen, unbestechlichen Klarheit unseres Instinkts getroffen.

Die wertvolle Pause vor der Reaktion

Die Umsetzung im Alltag scheitert meist am Automatismus und der enormen Geschwindigkeit unseres Nervensystems. Wenn ein Trigger getroffen wird, schaltet der Körper in Millisekunden auf den Überlebensmodus um. Er hält die aktuelle Situation für eine existenzielle Bedrohung, fährt das logische Denken herunter und feuert automatische Schutzprogramme ab.

Deshalb fühlen wir uns oft so machtlos gegen unsere eigenen Reaktionen – wir reagieren, bevor wir überhaupt denken können. Um diesen biologischen Automatismus zu durchbrechen, braucht es eine bewusste Verlangsamung.

Unser wichtigstes Werkzeug ist hier die physische Unterbrechung, um das hochgefahrene Nervensystem zu beruhigen. Bevor man auf einen Reiz reagiert, drückt man innerlich die Pause-Taste.

Wir machen es uns zur Gewohnheit, kurz innezuhalten, bevor wir reagieren.

Ein paarmal bewusst tief Ein- und Ausatmen oder das bewusste Spüren unserer Füße auf dem Boden ist ein physiologisches Signal an den Körper, dass keine akute Lebensgefahr besteht. Schon diese kleine Pause kann ausreichen, dass wir wieder Zugriff auf unser klares Denken bekommen und die Situation neu bewerten können.

Noch besser ist es, wenn die Situation das zulässt, wenn wir uns einige Minuten Zeit nehmen und uns still ausgestreckt auf harten Boden legen und einfach atmen. Sieben Minuten sind ein ganz wunderbarer Reset für unseren Körper und unser Nervensystem. In dieser Stille lässt sich oft erkennen, dass das innere Gefühl gar nicht zur realen Situation passt, sondern eine alte Ladung im Spiel ist.

Und dann ist der entscheidende Schritt, nicht zu versuchen, die Angst „wegzumachen“, denn das stresst unser Nervensystem nur noch mehr, sondern sie anzunehmen. Wir erlauben uns, unsicher zu sein oder Angst zu haben, aber nicht der Unsicherheit oder Angst, die Kontrolle über unsere Handlungen zu übernehmen.

Wir sagen uns selbst zum Beispiel: „Ich fühle mich gerade klein und unsicher. Das ist okay und ich werde jetzt trotzdem für mich einstehen.“ oder „Ich habe gerade große Angst, egoistisch zu wirken, wenn ich meine Bedürfnisse durchsetze, aber ich werde diese Grenze jetzt trotzdem ziehen.“ oder: „Ich spüre Panik, dass die Beziehung zerbricht und ich allein zurückbleibe, aber ich spreche das Unangenehme jetzt trotzdem an.

So zeigen wir unserem Nervensystem, dass wir diese Situation nicht nur überleben, sondern sogar handlungsfähig bleiben. Dadurch können sich die alte emotionale Ladung und der alte Trigger auflösen. Das Nervensystem „versteht“, dass wir keine kleinen Kinder mehr sind und dass das, was wir als lebensbedrohlich abgespeichert haben, heute keine wirkliche Gefahr mehr darstellt.

Wir lernen, unserer Wahrnehmung wieder zu vertrauen und danach zu handeln. Wir sorgen durch klare Entscheidungen im Außen gut für uns selbst und gehen gleichzeitig liebevoll mit unseren Gefühlen um, ohne uns von ihnen das Leben diktieren zu lassen. Wir handeln klar und souverän, und die alten Trigger und Gefühle können sich auflösen, weil wir ihnen Beachtung, aber keine Macht mehr geben..


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