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In unserer Gesellschaft ist es sehr verbreitet, ständig aktiv zu sein, viel zu leisten, Verantwortung zu tragen und oft und lange über die eigenen Grenzen zu gehen. Viele von uns kennen das Gefühl, funktionieren zu müssen, auch wenn der Körper müde ist oder der Kopf schmerzt.
Und die Erwartungen kommen nicht nur von außen. Tatsächlich sind der Hauptverursacher meistens wir selbst, indem unser inneres Glaubenssystem uns sagt: Nur wenn ich alles schaffe, nur wenn ich es perfekt mache, bin ich gut genug.
Diese inneren Überzeugungen sind übernommen, anerzogen und fest in unserer Kultur verankert. Sie führen dazu, dass wir uns überlasten, selbst wenn wir wissen, dass unser Körper, unsere Gefühle oder unser Geist Pausen bräuchten.
Dauerhaft zu viel zu tun ist kein persönliches Versagen, sondern ein Spiegel der Systeme, in denen wir leben und der Muster, die wir übernommen haben.
Wenn der Körper im Alarmzustand bleibt

Aber was macht der dauerhafte Hochbetrieb mit uns, unserem Körper und unserem Nervensystem?
Er zehrt – körperlich, geistig und emotional. Die Folgen eines dauerhaft überreizten Nervensystems sehen oft so aus, als seien wir zu sensibel. Aber das ist nicht wahr! Vielleicht haben wir stattdessen aber ein Nervensystem, das dauerhaft im Alarmzustand ist.
In diesem Zustand kommen die Gedanken nicht zur Ruhe, Entscheidungen fallen schwer und alles wird uns irgendwie zu viel – oft selbst das, was wir eigentlich lieben.
Und für manche ist das ein Dauerzustand. Das ist kein Zeichen dafür, dass mit uns etwas nicht stimmt, sondern zeigt einfach, wie viel unser inneres System trägt. Und wie lange schon.
Wir laufen auf Hochtouren und funktionieren nach außen zuverlässig und stark. Unser Nervensystem hat gelernt, wachsam zu sein. Dauerhaft. Und der Kopf produziert Dauerschleifen: Was ist richtig? Was ist falsch?
Das ist kein bewusstes Nachdenken mehr, sondern Stressverarbeitung.
Der Körper bleibt im Alarm, auch wenn objektiv keine Gefahr da ist. Muskeln lösen nicht mehr richtig, der Atem wird flacher, der Schlaf weniger erholsam. Verdauung, Zyklus und Hormonhaushalt geraten aus dem Gleichgewicht.
Wir sind schneller erschöpft, reizbarer, weniger belastbar. Konzentration fällt schwer, kleine Dinge kosten überproportional viel Kraft. Wenn dieser Zustand anhält, hinterlässt er Spuren. Der Körper versucht zu kompensieren, bis er es nicht mehr kann. Müdigkeit wird chronisch, Infekte kommen häufiger, Schmerzen entstehen.
Warum wir unter Stress keine klaren Gedanken fassen können

In solchen Phasen brauchen wir keine weiteren Antworten, Lösungen und keine noch bessere Strategie, wie wir unser Leben meistern. Was wir dann wirklich brauchen, ist Entlastung. Ein inneres Ankommen.
Klarheit durch Denken kann nur entstehen, wenn unser Nervensystem sie auch aufnehmen kann. Ist der Körper überlastet, bleibt er im Stressmodus – unabhängig davon, wie gut oder logisch unsere Gedanken sind. Denn jede Erkenntnis wird in diesem Zustand zu einer weiteren Aufgabe und jede Lösung zur nächsten Anforderung.

Im Stress-Modus priorisiert unser Nervensystem Überleben, nicht Weitsicht. Das ist eine intelligente Anpassung, die wichtig ist, wenn der Säbelzahntiger vor uns steht. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich automatisch auf das, was potenziell gefährlich, unklar oder ungeklärt ist.
Der Körper hält Energie bereit, die Spannung bleibt hoch, Stresshormone zirkulieren. Das gesamte System ist darauf ausgerichtet, schnell reagieren zu können. Das ist gut, wenn der Säbelzahntiger vor uns steht, aber schlecht, wenn das unser Dauerzustand ist.
Denn es hat direkte Auswirkungen auf unser Denken. Gedanken kreisen um das, was sofort erledigt, entschieden oder geklärt werden muss. Weitsicht, Abwägung und innere Gelassenheit treten in den Hintergrund.
Im Notfallmodus investiert unser Körper seine Energie lieber in die rettende Reaktion als in die Reflexion, ob diese Reaktion wirklich rettend ist.
Denken ist in diesem Zustand vorwiegend Grübeln, Abwägen und Kontrollieren. Klarheit entsteht meist erst dann, wenn unser Nervensystem sich sicher genug fühlt, um den Stress loszulassen.
Und darum geht es! Den Stress loslassen!
Bewusste Stille statt Grübeln

Wir schenken uns bewusst Stille. Wir setzen uns hin, schließen die Augen und richten unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst. Wir atmen bewusst und spüren unseren Körper, ohne etwas ändern zu wollen.
Zehn Minuten reichen oft schon. Am besten wirklich mit einem Timer, denn einem auf Hochtouren laufenden Nervensystem kann es ziemlich schwer fallen, 10 Minuten Nichtstun auszuhalten.
Aber es lohnt sich, um dem Körper zu zeigen: Alles ist gut. Es steht kein Säbelzahntiger vor uns. Es gibt keinen Druck, sofort handeln zu müssen.
In dieser Ruhe kann das Nervensystem langsam Stück für Stück die Spannung loslassen.
Am Anfang fühlt sich diese Ruhe oft ungewohnt, vielleicht sogar unangenehm an, da der Kontrast zur Spannung, die der Körper noch trägt, hoch ist. Wenn wir einfach ruhig bleiben, ohne etwas verändern zu wollen, beginnt sie sich langsam zu lösen. Der innere Lärm wird leiser, es wird ruhiger in uns.
Wenn wir bewusst in unseren Körper hineinspüren, können wir wahrnehmen, wo die Spannung sitzt – vielleicht in Schultern, im Nacken, im Kiefer oder im Bauch.
Diese Anspannung ist die Energie, die unser Nervensystem auf Alarm hält. Indem wir sie wahrnehmen, einfach liebevoll wahrnehmen und akzeptieren, dass sie da ist, können wir sie Schritt für Schritt loslassen.
Das kann durch tieferes Atmen geschehen, durch kleine Bewegungen wie Strecken oder indem wir Gefühle einfach spüren, ohne sie zu bewerten. Aus der Energie, die wir als drohende Anspannung gefühlt haben, wird so Bewegung im Körper, die sich nach und nach lösen kann.
Was ist jetzt gerade wirklich wichtig?

Aus angestauter Energie wird Präsenz und wir können wieder in unserem Körper zuhause sein, statt nur in unserem Kopf. Und aus dieser Präsenz heraus stellen wir uns eine einfache Frage:
Was ist jetzt gerade wirklich da?
Nicht analytisch. Nicht bewertend. Sondern nur wahrnehmend.
Was zeigt sich jetzt – im Körper, in den Gedanken, in der Situation?
Diese Frage holt uns aus Überforderung zurück, aus dem innerem Drama in den Kontakt mit der Realität, die wir tatsächlich beeinflussen können. Diese Präsenz und Verbindung mit uns selbst ist der Boden, auf dem Orientierung und Klarheit wachsen können.
Danach wenden wir uns liebevoll dem zu, was möglich ist:
Was können wir heute wirklich tun?
Nicht alles. Nicht für immer. Nur heute.
Ein bis drei kleine Dinge, die realistisch gut machbar sind. Ohne Druck, ohne Anspruch auf Perfektion.
Schon das Benennen von kleinen, machbaren Schritten gibt dem Nervensystem Halt. Jeder kleine Schritt sendet ein Signal an das Nervensystem: Wir sind sicher, wir können handeln, wir kommen wieder in Balance.
Wenn der Körper wieder in Regulation kommt, verändern sich Entscheidungen ganz von selbst. Sie werden ruhiger, klarer, weniger dringlich. Weil wir wieder bei uns sind. Weil wir wieder präsent im Augenblick sind.

So wird aus dem bloßen Überleben wieder ein echtes Leben. Denn Ruhe ist kein Luxus, den wir uns erst verdienen müssen, wenn alle Aufgaben erledigt sind. Sie ist das Fundament, auf dem wir überhaupt erst wieder wirksam sein können.
Wenn wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen, wird Energie frei für das, was wirklich zählt: Nicht mehr nur zu funktionieren, sondern uns und unsere Umgebung wieder lebendig, wach und verbunden zu spüren. Das ist der Moment, in dem aus Anspannung wieder echte Lebenskraft wird.
Denn wahre Stärke muss sich nicht durch Anstrengung beweisen, sondern entsteht durch den Mut, einfach zu sein und bewusst innezuhalten.
In dieser Stille finden wir Antworten auf Fragen, die wir im Lärm des Alltags noch nicht einmal formulieren konnten.
Wer gut für sich sorgt, dient am Ende auch dem Ganzen am besten. Denn die Welt braucht keine noch geschäftigeren Menschen, sondern solche, die in sich ruhen, klar sehen und aus dieser inneren Fülle heraus handeln.

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